Heimat – Berliner im Ländle

Ich habe mindestens zwei Orte, die ich Heimat nenne: Berlin und Kernen im Remstal. 

“Heimat” – was alles in diesem Begriff enthalten ist, kann einen Abend voller Erzählungen füllen. Man muss nur mit Menschen sprechen, die ihre Heimat verlassen haben, um in einem neuen Land eine neue zu finden.
Für mich sind unter anderem die folgenden Facetten prägend: 

Das alte Westberlin – Schatten und Geborgenheit der Mauer

Da bin ich aufgewachsen – in der geteilten Stadt. Auf der Westseite. Habe die Schule besucht und das Abitur gemacht, studiert – erst ein paar Semester Jura, danach evangelische Theologie. Habe eine Familie gegründet. 

War engagiert in der Kirche und bei der Rotkreuzbereitschaft. Zehn Jahre bei der Freiwilligen Feuerwehr in Berlin; getragen von einer Mischung aus Abenteuerlust und Verantwortungsgefühl. Es war “meine” Stadt. 

Es war auch das Bewusstsein, in einer besonderen Stadt zu wohnen. Das wohlige Gefühl des “Insulaners”. Umgeben von dieser Mauer und einem unbekannten roten Meer dahinter… Als Jugendlicher dann das erste Mal mit dem Zug diese “Meer” überquert, und mit dem Fahrrad die Welt erobert:  Ostsee, Nordsee, Dänemark, Holland, Belgien. Frankreich… 

International auf eine besondere Art: im Radio lief die beste Musik auf den Sendern der Alliierten Soldaten: AFN und BFBS. Englisch war nicht nur Schulfach, sondern irgendwie “normal”. Wir gingen auf das Deutsch-Französische oder Deutsch-Amerikanische Volksfest. Die Präsenz der Soldaten gehörte zum Leben dazu.

Der Autor in jüngeren Jahren
bei der Nachwuchsgewinnung für die Berliner Feuerwehr

Das neue alte Berlin – Schmelztigel der Kulturen

Wir hatten am Vortag die neue Wohnung renoviert; waren erschöpft und früh schlafen gegangen. – Und dann am Morgen dieser eine Satz des SFB-Moderators aus dem Radiowecker: 

“Wundern se sich nich, dass et ‘n bisschen nach Öl riecht heute. – Die janzen Trabbis sind hier…” 

Der Tag nach dem 9. November 1989: die Mauer war gefallen. Zwei Wochen war die Stadt in Party-Stimmung. Die Mauerdurchbrüche, da wo die Grenze jahrzentelang die Straßen durchschnitten hatte. Ich war am Potdamer Platz dabei, als die Trabbis von drüben durch die Lücke kamen.

„Freude, schöner Götterfunken!“ – Eines der schönsten Erlebnissen meines Lebens. 

Jahre später dann – nach beruflichen Stationen in Augsburg und Saarbrücken – kam ich zurück in dieses Berlin. Und machte nun auch den Osten der Stadt zu “meinem” Berlin. Mit Mittelformat-Kamera auf Stadt-Safari und der anschließenden Dunkelkammerarbeit im Prenzlauer Berg, beim Rock n’ Roll-Verein “Spree-Athen”, mit dem Rad rund um die Stadt und raus ins Grüne. 

Das Schönste aber bis heute: Das Sprachen- und Nationengewusel. Wenn in der U-Bahn Mitreisende vom Berlinern ohne Unterbrechung ins Englische, Türkische oder Italienische fallen – und zurück. Wenn ich in der Friedrichstraße von Touristen nach dem Weg gefragt werde, und die erste Frage ist: “Sprechen Sie Deutsch…?” – I love it! 

Stuttgart?! – da wollte ich nie hin…

… aber so spielt das Leben. Ehe zerbrochen, Stellenangebot in Stuttgart bekommen…  Gehst du halt mal für ein halbes Jahr nach Stuttgart. – Dachte ich! 

Und dann: lerne ich nach zwei Wochen meine neue Lebenspartnerin kennen. Suchen wir nach einem Jahr eine Wohnung. Und ziehen als Patchworkfamilie nach Stetten im Remstal. 

“Heimat” – da kommt eine neue Dimension ins Spiel. Seit 2017 wohnen wir nun hier. Haben Freunde gefunden, Nachbarn, Vereinsanschluss… Lernen die Weinberge, Wälder und Flusswege per Rad und “per pedes” kennen.

Erzählen nun den Besuchern aus Berlin die Geschichten vom „Stettener Brotwasser“ und vom „Remstal-Rebell“. – Und können nach und nach den Gesprächen folgen, wenn schwäbisch g’wschätzt” wird.  

Kernen im Remstal – Jetzt aber richtig! 

Eigentlich fing es mit dem Straßenfest an, mit dem die Bauarbeiten der Y-Burg-Treppe beendet wurden. (Das ist übrigens genau die Treppe im Bildrand.) Da stellten wir fest, was für nette Nachbarn wir haben. 

Später nahm mich Herbert mal mit zur Übungsstunde des Stettener Chors. – Und im März haben sie mich da zum Vereinsvorstand gewählt.

Bei der persönlichen politischen Identifikation hatte ich immer zwischen Rot und Grün geschwankt. – Hier fiel dann die Entscheidung: Ich wurde Mitglied im SPD Ortsverein

Wer den Weg zur Y-Burg hochgeht, sieht an manchen Sommernachmittagen jemanden in der offenen Garage mit Hobel und Stemmeisen Holzstücken Form verleihen. – Das bin ich. Und oft kommen dann die Nachbarn mit kühlem Getränk dazu, die Gruppe wächst, Bänke und Hocker vor der Garage… eine spontane Feierabends-Gemeinschaft.

Sagte ich das bereits? – Wir fühlen uns in der neuen Heimat wohl. Und letztlich ist das der Ursprung meiner Entscheidung, für den Gemeinderat und Kreistag zu kandidieren. – Quasi meine Art „Danke“ zu sagen, und daran mitzuwirken, dass Kernen und das Remstal so lebenswert bleiben, wie sie sind.